BLOGBEITRAG

14 | 12 | 2009

Notwehrrecht als Problemfall für Kampfkunstsportler ?

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Ein Angreifer und das Opfer

Ein Angreifer und das Opfer

Es ist sehr schwierig dieses Thema in einer  vernünftigen, verbindlichen Abhandlung darzustellen, denn es ist nicht immer so klar, was im Gesetzestext zur Notwehr zu lesen ist. Wenn ich diese Texte und Nebentexte lese, bekomme ich den  Eindruck: Dass diejenigen, die diese Paragraphen festlegten, nie einem realen Angriff, eines zu allem entschlossenem Angreifer gegenüber gestanden haben.

Insbesondere wir, als Kampfsportler, die „sogenannten Experten“, haben immer einen schweren Stand, vor Gericht, wenn es um die Verhältnismäßigkeit der Mittel innerhalb einer Selbstverteidigungssituation geht.

Stellt sich also die berechtigte Frage: Darf ich dass wirklich? Ist der Kampfsport gesetzlich erlaubt? Nun, es wäre unsinnig ein gewisses Kampfkunstsytem (Boxen, Karate, Taekwon-Do, Hap-Ki Do usw.) zu schaffen und danach eine Selbstverteidigung  zu lehren, die für den Ernstfall verboten ist. Darum  kann man diese Frage unbedingt mit ja beantworten. Diese Systeme enthalten zwar gefährliche und auch sehr gefährliche Verteidigung und Gegenangriffstechniken, für deren Einsatz aber jeder selbst in angemessener Anwendung verantwortlich ist.

In gewissen Notwehrsituationen zu geraten, ist wohl für jeden schlimm genug- doch auf Grund einer Abwehraktion mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten,  ist wohl das Trauma eines jeden, der Kampfsport betreibt. Denn für einen Richter oder  einem Anwalt ist jeder der Kampfsport betreibt ein Experte, besonders die Schwarzgurte gelten als fast unbesiegbar. Man  vergisst aber, dass die meisten dieser „Experten“ einen  realen Angriff  durch einen „Straßenkämpfer„ noch nie gegenübergestanden haben. Training ist das EINE, die Realität das ANDERE. Alles was beim Training so leicht erscheint,  ist  im  realen  Moment  völlig anders. Denn  im „normalem  Training„  ist  eine  realitätsnahe Situation  aus vielen Gründen nicht trainierbar.

In bestimmten Leistungsprüfungen verschiedener Kampfkunstsysteme wird im Fach Theorie nach dem Notwehr-gesetz und bessen Auslegung gefragt. Stellt sich für uns also die Frage: Was ist denn nun Notwehr?

Notwehr: Der §32 des StGB bestimmt: Notwehr ist  diejenige  Verteidigung, welche  erforderlich ist, um einen gegenwärtigen und rechtswidrigen Angriff von sich, oder einer anderen Person abzuwenden. Wobei die Verhältnismäßigkeit der Mitteln zu beachten ist.

Die  zur Notwehr angewandte Selbstverteidigung  muss also erforderlich sein.  Es  gilt  hier jedoch der Grundsatz von Verhältnismäßigkeit  der einzusetzenden  Mittel. Die Verteidigung  muss also der Schwere des Angriff angemessen sein. Unter den zur Verfügung stehenden Mitteln,  muss  stets  die  am wenigsten schädliche, gefährliche Handlungstechnik ausgewählt werden,sofern noch genügend Zeit zur Auswahl der Technik vorhanden ist.

Im Strafrecht  können wir  lesen: Die Überschreitung der Notwehr  ist allerdings dann  nicht  strafbar, wenn  man in Bestürzung,  Furcht  oder  Schrecken über  die  Grenzen  der Verteidigung hinaus gegangen ist. Doch da man als der in Notwehr handelnde beweispflichtig ist, ist es immer gut, wenn bei einer Auseinandersetzung Zeugen  zugegen sind.

Gegenwärtig ist ein Angriff  dann, wenn er  schon begonnen hat, aber noch nicht beendet ist. Die Abwehr muss eine entsprechende  Verteidigungshandlung  sein.  Der Grad der Verteidigung richtet  sich nicht nach der Höhe des evtl. zu erwartenden Schaden, sondern nach der Gefährlichkeit des Angriffs.

Ein  Angriff   ist bereits  gegenwärtig, wenn er unmittelbar bevorsteht,  zum Beispiel  einer ernstzunehmenden Bedrohung. Niemand  braucht  zu warten, bis er angegriffen wird,  eine  Ausweichmöglichkeit nicht vorhanden ist. Die Verteidigung darf  somit  in einer gefährlichen  Situation  auch vorbeugend sein. Bedeutet:  der Angriff  ist oftmals  die beste Verteidigung.

Rechtswidrig – ist ein Angriff, wenn  ein Aggressor zum Beispiel nicht selbst in Notwehr, Notstand oder berechtigter Selbsthilfe handelt. Hierbei ist es gleichgültig, ob der Aggressor persönlich angreift, oder sich eines Werkzeugs, einer anderen Person, eines Tieres oder Sache bedient.

Der  Angriff muss unbedingt  auf die Person selbst gerichtet sein. Wer  allerdings  einen  Angriff provoziert, um in einer absichtlich geschaffenen Notwehraktion den Angreiferzu verletzen, kann sich nicht auf Notwehr berufen.

Verhältnismäßigkeit der Mittel – bedeutet: mit angemessenen Mitteln den Angriff zu begegnen bzw. abzuwenden, unter Kontrolle zu  bringen. Oft ist es so, dass  nach  einer Verteidigungsaktion, plötzlich  der Verteidiger  zum  Täter wird.

Ein Beispiel:  Ein Aggressor greift  einem  mit einem Faustschlag  zum Kopf an. Die Verteidungsaktion ist: diesen Schlag abzufangen und  mit  einem  Armhebel   unter  Kontrolle zu  bringen.  Bei dieser  Aktion  wird durch  die Bewegung des Aggressors  dessen  Arm gebrochen. Daraufhin  macht der Aggressor  gegenüber dem, der in Verteidigung stehenden eine Anzeige, wegen schwerer Körperverletzung.

In der nun folgenden Gerichtsverhandlung muss nun der Verteidiger gegenüber dem Gericht beweisen, dass ihm hier keine Schuld der Überschreitung einer Verhältnismäßigkeit der Mittel an zulasten ist.

Wenn die Folge eines Angriffs mit der Faust zum Gesicht, in einer Abwehraktion des in Verteidigung handelnden, ein gebrochener Arm  ist, hat  sich  dies  meiner Meinung nach, der Aggressor  selbst  zuzuschreiben. Es  ist immer sehr schwierig  gegenüber  dem Gericht  klar zumachen, dass  im  Vergleich  einer Abwehraktion  gegen  einen  Angriff, die eingesetzte Technik erforderlich war.

Ich erinnere mich an eine Schulung zur Rechtslage innerhalb der Notwehr an folgendem Dialog zwischen mir und dem Seminar  führenden  Rechtsanwalt.  Ausgangspunkt war  dessen  Meinung:  „Das ein  Dan-Träger  (Schwarzgurt) einem Messerangriff  mehrfach  durch  sein  Training,  diesem Angriff  überlegen sei.“ Worauf  ich  ihm zu verstehen gab, dass diese  Aussage  sehr  weltfremd sei.  Denn.., wenn  man  auch im  Training  Techniken  gegen  Messerangriffe  trainieren würde, die  Abwehrtechnik  gelingen mag,  man aber im Ernstfall versagt, weil die Situation sich völlig anders darstellt.

Jeder, der ein Messer mit sich trägt, wird auch durch ständiges Training mit einem Messer z.B  Batterfleymesser damit umgehen  können- damit  meine  ich nicht,  einen Apfel schälen zu können. Was bei einem „normalem Bürger“,  auch wenn er Kampfsport  betreibt  nicht  der  Fall ist. Wer sich gegen solche Angriffe  verteidigen  will,  muss  auch  in der Handhabung dieser Waffe geschult sein, die einzelnen Bewegungsabläufe eines Angriffs genau kennen. Dies zeigt schon, wie schwierig  es  für uns ist, Verteidigungstechniken des  Karate,  Taekwon,  Do Hapki-Do  usw.  in der Beweislast einer Anwendung im Falle eines Angriffs zu rechtfertigen.

Auch ist es „weltfremd“,wenn man glaubt, einem im „Straßenkampf“ erprobten Aggressor dadurch beeindrucken zu können, indem man ihn darauf hinweist, dass man Kampfsport betreibt und den schwarzen Gürtel hat. Im Gegenteil.., er wird durch den Hinweis sogar angespornt, herauszufinden, wer der Bessere ist.

Abschlussbemerkung – Grundsätzlich gilt: Wer überraschend rechtswidrig angegriffen wird, kann sich verteidigen wie er es für erforderlich hält. Die Intensität (Gefährlichkeit) des Angriffs bestimmt das Maß der Verteidigungsaktion.

Anders  ist  die  Rechtslage, wenn  die Situation eines Angriffs sich abzuzeichnen beginnt, zum Beispiel  einer verbalen Auseinandersetzung. In diesen Fällen wird ein Ausweichen, soweit es ohne Preisgabe berechtigter, eigener Interessen zuzumuten ist, gefordert. Schimpfliche Flucht wird allerdings nicht ausdrücklich zugemutet.

Im  Ernstfall  ist es wichtig, eine  anstehende  Situation,  die zu einer Verteidigungsaktion  führen kann, richtig einschätzen zu können. Nicht gleich die Nerven zu verlieren. Wenn ein Ausweichen nicht möglich ist, schnell und auch konsequent zu handeln.

Die Urteilsfindung zur Rechtslage wird durch folgende Sätze beeinflusst:

  1. Objektive Voraussetzungen
  2. Bestehen einer Notwehrsituation ( Kollisionslage )
  3. Subjektive Voraussetzungen
  4. Gefühlsmäßige Einschätzung der Situation und Verteidigungswille
  5. Verteidigungshandlung

Unter Berücksichtigung von Erforderlichkeit und Verhältnismäßigkeit

Rechtsfolge der Tat – Das StGB (Straf Gesetz Buch) regelt das öffentlich – rechtliche Interesse und das Strafmaß – und das BGB ( Bürgerliche Gesetzbuch regelt das privat rechtliche Interesse, sprich: Haftung und Schadensersatzansprüche nach § 227

Quellen zu den §§: Deutsches StGB und BGB

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Kommentare: 5

  1. 1

    Charliesdaddy 12.11.2015 um 15:43 Uhr

    Hallo, sehr schön und verständlich geschrieben. Auch in unserer Kampfsportschule wurde während meiner aktiven Zeit immer wieder auf Notwehr und Notwehrexzess hingewiesen, SV trainiert und so , wie bei einer KATA gewisse Bewegungsabläufe verinnerlicht, Reflexe geschult…aber, was m.E immer noch zuwenig Beachtung findet….Angreifer unter Drogeneinfluss haben ein völlig anderes Schmerzempfinden, Jugendliche und Heranwachsende sind von der Körperstatur Erwachsenen fast gleich…genießen aber vor dem Gesetz einen besonderen Schutz…nur…wenn mich ein solcher Jugendlicher angreift…er vllt 16 Jahre alt; 1,85 m groß; “stoned” und aggressiv bis zum Anschlag…hab ich keine Wahl und kann ihm auch keine besondere Freundlichkeit entgegenbringen… Sportliche Grüße
    CD

  2. 2

    Mike 26.08.2015 um 14:03 Uhr

    Sehr informativ, ich frage mich nur ab wie oft einen Verteidiger (Opfer) von seinem Angreifer verklagt wird.

  3. 3

    Hubert Amann 07.05.2010 um 08:47 Uhr

    Guter Beitrag, sehr real

  4. 4

    Heiko 06.01.2010 um 16:28 Uhr

    Ich finde den Artikel auch sehr gut. Er zeigt die Komplikationen auf mit denen man sich auseinandersetzen muss. Im Ernstfall kann ich nicht darauf acht geben. Wenn ich in die Situation komme jemanden zu verletzen,dann ist auch mein Leben oder meine Gesundheit massiv bedroht. Dann muss ich reagieren.

  5. 5

    Michael Klosky 03.01.2010 um 20:21 Uhr

    Hallo Meister,

    habe gerade mit großem Interesse den neuen Textbeitrag zur Notwehr gelesen. Sehr informativ! Persönlicher Kommentar von mir: In der Theorie könnte ja alles so einfach sein. Da kann man Mal sehen, dass unsere Rechtsgelehrten einem realen Angriff wohl noch nie gegenüber standen. Selbstverständlich sollte eine Reaktion auf eine aggressive Aktion unter dem Aspekt der “Verhältnismäßigkeit der Mittel” erfolgen. Ich bezweifle nur, dass der Verteidiger genug Zeit zur Abwägung hat, selbst wenn er ein geschulter Kampfsportler ist. Ein Angriff geht in der Regel sehr schnell und ohne Vorwarnung.

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